Warum Fehler so schwer wiegen
Warum haben wir so große Angst davor, Fehler zu machen? Weil wir gelernt haben, dass sie etwas über unseren Wert aussagen. Wer Fehler macht, ist nicht klug genug, nicht diszipliniert genug, nicht „richtig“. Das wird uns oft schon in der Kindheit vermittelt – durch Bewertungen, Druck oder abwertende Bemerkungen. Doch ich frage mich: Ist das wirklich so? Ich selbst habe im Leben viele Fehler gemacht. Und vermutlich kommen da noch weitere Fehler auf mich zu. 😂 Und aus jedem Einzelnen habe ich etwas mitgenommen. Aber ich habe gelernt, dass oft schon ein einfaches „Oops, das war mein Fehler – tut mir leid, ich kümmere mich darum" Wunder wirken kann. Die meisten Dinge passieren nicht aus Absicht. Wir leben, wir lernen – und genau das ist der Punkt.
Leben heißt Lernen – durch Irrtum und Einsicht
Fehler sind keine Schwäche. Sie sind ein natürlicher Teil des Lernens. Auch ich hab „nähmlich“ mit h geschrieben. Nur einmal. Danach nie wieder. Nicht weil ich dämlich war, sondern weil ich gelernt habe. Fehler sind wie Wegweiser: Sie zeigen uns, wo es noch was zu entdecken gibt. In meiner Arbeit begegnen mir viele Menschen, die sagen: „Ich habe immer geglaubt, ich bin dumm.“ Und ich finde es berührend – und zugleich erschreckend – wie tief diese Glaubenssätze sitzen. Besonders häufig höre ich das von erwachsenen, beruflich und privat erfolgreichen Männern. Vielleicht, weil ihnen von klein auf vermittelt wurde, sie müssten immer stark, fehlerfrei und souverän sein. Auch wir Frauen sind davon immer mehr betroffen. Das ist nicht das Problem einzelner Personen, sondern Teil eines Systems.
Dumm ist, wer Dummes tut – auch im Anzug
Wie sagte Forrest Gump so treffend? „Dumm ist der, der Dummes tut.“ Und damit trifft er einen wunden Punkt. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Es gibt da draußen eine Menge Leute in wichtigen Positionen, die täglich Entscheidungen treffen – und nicht selten danebenliegen. Trotzdem genießen sie Ansehen, Macht, hohe Gehälter. Und strahlen dabei oft eine Selbstsicherheit aus, als wären sie unfehlbar. Das Problem ist nicht der Fehler an sich – sondern die Haltung dazu. Wer glaubt, keine Fehler machen zu dürfen (oder zu können), verliert irgendwann die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Und wo keine Selbstreflexion ist, wächst die Arroganz. Deshalb ist echte Größe für mich nicht Perfektion – sondern die Fähigkeit, zu sagen: „Das war daneben. Ich habe dazugelernt.“
Worte können verletzen – oder heilen
Was mir auch immer wieder begegnet, gerade im Kontakt mit Jugendlichen: der oft verletzende Umgang mit Sprache. Sätze wie „So deppat schaut er ja gar nicht aus!“ sind nach wie vor Realität. Und jedes Mal frage ich mich: Was hat das bitte mit dem Aussehen zu tun?
Solche Aussagen sind Überbleibsel aus einer anderen Zeit, einer anderen Generation – doch sie wirken bis heute. Nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. Abwertungen schleichen sich in Gespräche, in Witze, in vermeintlich gut gemeinte Ratschläge. Und sie hinterlassen Spuren. Meistens sagen solche Bemerkungen mehr über den Absender aus als über das Gegenüber. Wer andere klein macht, kämpft oft mit seinen eigenen Unvollkommenheiten – und projiziert sie nach außen. Also bevor du glaubst, was dir jemand an den Kopf wirft: Frag dich, wer da spricht – und was hat das mit mir zu tun?
Wenn du willst, sag entweder innerlich und gedanklich zu dir oder wenn die Situation passt, gerne auch zurück – bleib dabei jedoch ganz ruhig, klar und ohne Schuldzuweisung: „Dumm ist der, der Dummes tut.“ Dreh dich um. Und geh weiter. Und damit meine ich natürlich nicht, dass man frech oder unreflektiert zurückschießen soll – sondern dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Vor allem dann nicht, wenn du offensichtlich und bewusst abgewertet wirst. Man darf Haltung zeigen, ohne laut zu werden.
Taten folgen lassen
Natürlich bedarf es nach der Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, nicht nur leere Worte und Versprechen die nicht eingehalten werden. Es sollten auch Taten folgen. Denn hier zeigt sich der Unterschied. Wer sein Fehlverhalten als ständige Entschuldigung sieht, zeigt nicht, dass er wirklich bereit ist, sich zu ändern. Eine wahre Entschuldigung geht mit einer echten Bereitschaft zur Veränderung einher. Und natürlich gibt es auch Fehler im Leben, die nicht so einfach sind, sich diese einzugestehen, und dennoch wäre es vermutlich für alle Betroffenen ein erster Schritt. Ein ehrlich gemeintes: „Es tut mir leid, ich hab's nicht besser gewusst.“ Dieser Schritt ist der Weg, um in Frieden zu sein, mit sich selbst und mit anderen.
Von Jugendlichen lernen
Ich hatte erst letztens ein ganz zauberhaftes Gespräch mit einem 16-jährigen Burschen, der mir erzählte, wie er mit Tratsch und Lästereien im Freundeskreis umgeht. Nä(h)mlich 😉 indem er sich bewusst raushält und sich lieber eine eigene Meinung bildet. Wow – was für ein reflektierter Zugang! Gefällt mir!
Ein wertvoller Gedanke, den wir uns alle öfter ins Gedächtnis rufen dürfen: Achte darauf, wer Gerüchte oder Bewertungen in die Welt setzt. Denn oft sagt das mehr über die Person aus, die abwertet, als über denjenigen, der gerade Ziel der Kritik ist. Dahinter stecken häufig persönliche Erfahrungen, Unsicherheiten oder alte Muster.
Mein Appell an alle Erwachsenen, die sich mit ihrer eigenen Fehlerkultur schwer tun: Lasst euch ruhig mal von euren Schützlingen inspirieren. Das entspannt übrigens oft auch den Familienfrieden.
Das heißt nicht, dass jeder Fehler etwas Gutes in sich trägt. Aber er kann uns etwas zeigen. Auch wir Erwachsene wissen nicht alles – zumindest kenne ich niemanden, der das tut. Und genau das dürfen wir auch weitergeben.
Und wir dürfen sagen: „Ich weiß es gerade auch nicht – aber ich kann nachfragen, nachlesen oder jemanden um Hilfe bitten.“
Schluss mit der Perfektionsmaske
Was ich sagen möchte: Fehler sind kein Makel. Sie sind menschlich. Die Frage ist nicht, ob wir sie machen – sondern wie wir damit umgehen. Wir alle dürfen lernen, uns mit unseren Unvollkommenheiten zu versöhnen – und dabei auch anderen ihre Fehler zuzugestehen. Denn wer sich erlaubt, Mensch zu sein, macht nicht nur weniger Drama um Fehler – sondern auch mehr Platz für echtes Wachstum.
Niemand kann alles – aber irgendwas kann jeder gut
Zum Schluss noch ein Gedanke, der mir persönlich sehr am Herzen liegt: Niemand kann alles. Aber irgendwas kann jede:r gut. Was das ist, kann man im Laufe seines Lebens herausfinden. Und gerade in diesen Unterschiedlichkeiten liegt so viel Potenzial – ein echter Mehrwert für unsere Gesellschaft.
Ein Wunsch von mir – und ja, ich weiß, wünschen kann man sich viel – wäre, dass diese Unterschiedlichkeiten nicht nur anerkannt, sondern auch gerecht entlohnt werden. Denn leider ist es oft noch so, dass unser Einkommen stärker von unserem Bildungsabschluss oder der sozialen Herkunft abhängt als von unseren tatsächlichen Fähigkeiten, unserem Engagement oder dem Wert unserer Arbeit für andere. Ich finde, es ist Zeit, das zu hinterfragen. Und anzuerkennen, dass Vielfalt nicht nur bunt, sondern auch gerecht sein sollte.
Ich hoffe, mir ist es gelungen, eine Brücke zu bauen – zwischen Anspruch und Mitgefühl, zwischen Lernen und Loslassen. Es ging mir nicht darum, zu belehren. Sondern darum, zum Nachdenken einzuladen. Vielleicht mit einem Lächeln. Vielleicht mit einem inneren Nicken.
Und wenn das gelungen ist, dann bleibt mir nur noch zu sagen: Halleluja und Amen. 😄
hahahaha 😂 - man merkt es war/ist mir ein Anliegen.